Gebeugte Arme und Beine für Puppen - ein Schnittmuster erstellen

So, man lernt ja nie aus. Nachdem ich ein Schnittmuster für gerade Puppenbeine und -arme erstellt hatte und das wirklich gut geklappt hat, bin ich voller Elan daran gegangen, und habe eines für Babypuppen mit gebeugten Gliedmaßen gezeichnet. Ich habe es im Copyshop auf verschiedene Größen kopiert und gleich zugeschnitten, Arme und Beine natürlich in zweifacher Ausführung. Und dann? Mir war durchaus bewusst, dass der Maschenlauf eine Rolle spielt bei der Erstellung eines Schnittmusters, aber so? Ich war frustriert. Aus meinen schön gezeichneten Armen und Beinen waren unförmige Gliedmaßen entstanden. Die Ursache war schnell gefunden: Maschenlauf! Und damit nicht alles umsonst war dachte ich, ich teile die Ergebnisse meiner unfreiwilligen Versuchsreihe mit Euch.

Der Stoff für den Körper ist ein fester Trikotstoff, ein Jersey ohne zusätzliches Elastan, d.h. der Stoff ist gestrickt und nicht sehr dehnbar. Auf der Vorderseite sieht man die rechten Maschen, die sich wie Vs übereinander stapeln (glatte Seite) und eine senkrechte Streifenstruktur bilden.

Entlang dieser "Streifen" oder Rippen verläuft der Maschenlauf (gelber Streifen). Die Rippen lassen sich auseinanderziehen, aber nicht in die Länge. Das bedeutet, der Stoff ist senkrecht zum Maschenlauf (grüner Streifen) dehnbarer als entlang des Maschenlaufs.

Hier noch ein kleiner Tipp: bevor ihr den Stoff faltet, um die Schnittmusterteile aufzulegen, fahrt mit dem Fingernagel eine der Rippen entlang, so entsteht eine gut sichtbare Linie (auf dem linken Bild rechts neben der orangenen Linie zu erahnen). An dieser Linie faltet ihr den Stoff oder richtet das Schnittmuster daran aus. Falls ihr eine Schneidematte mit Raster habe, geht es noch einfacher: den Stoff mit Hilfe der gezogenen Linie an dem Raster ausrichten und dann falten, der Bruch liegt dann im Maschenlauf.

An den folgenden Beispielen sieht man ganz deutlich, in welche Richtung sich der Stoff dehnt und in welche nicht und was das für Auswirkungen nach dem Stopfen auf die Form hat. Das ist vor allem bei gebogenen Gliedmaßen der Fall, weil sich innerhalb der Arme und Beine die "Richtung" ändert.

Beim Stopfen der Arme und Beine wird der Stoff extrem beansprucht, da man mit viel Kraft die Wolle hineinstopft, bis alles schön fest ist. Links seht ihr das Schnittmuster und das daraus entstandene Bein, der orangene Streifen zeigt den Maschenlauf an. Wäre das Bein gerade, so würde sich der Stoff von der Wade über das Knie bis zum Oberschenkel gleichmäßig dehnen. Da wir aber die Biegung nach dem Knie haben, ändert sich das Dehnverhalten des Stoffes. Das hat zur Auswirkung, dass sich

a) der Stoff am Oberschenkel nicht mehr ausdehnt und der Oberschenkel fast dünner bleibt als die Wade und

b) der Stoff ab der Kniebeuge beim Stopfen extrem in die Länge (da senkrecht zum Maschenlauf) gezogen wird und das Bein viel zu lang macht.

Es hat drei Anläufe gebraucht, bis ich zufrieden mit dem Ergebnis war, wobei ich den Oberschenkel immer noch kürzen muss (mittleres Bild, rechtes Bein und rechtes Bild). Ich habe den Unterschenkel gekürzt, das Knie etwas nach vorne gezogen und den Oberschenkel 2x verbreitert.

Noch deutlicher wird es bei den Armen. Hier habe ich versehentlich den Arm so aufgelegt, wie auf dem linken Bild zu sehen ist: der Oberarm liegt im Maschenlauf. Herausgekommen ist eine längliche Hand, ein extrem schmales Handgelenk und ein dicker Oberarm. Für den Arm auf dem rechten Bild habe ich das Schnittmuster so aufgelegt, dass die Rippen (Maschenlauf) auf der Hand senkrecht laufen. Das sieht schöner aus und es kommt auch ein wohlproportionierter Arm heraus ;-). Den Oberarm habe ich sogar noch etwas verbreitert, weil der wie beim Oberschenkel nach der Biegung im nicht-dehnbaren Bereich liegt. Könnte sogar noch etwas breiter sein. Es ist das gleiche Schnittmuster und heraus kommen zwei völlig unterschiedliche Formen. Beeindruckend, oder?

Also: immer auf den eingezeichneten Maschenlauf (oder Fadenlauf) achten wenn Ihr zuschneidet und beim Erstellen eines Schnittmusters lieber mal ein Probebein und -arm nähen. Was habt ihr für Erfahrungen gemacht mit dem Maschenlauf beim Puppennähen oder anderswo?